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Arzneimittelexanthem lichenoidesL43.2
Synonym(e)
Definition
Von einem exanthematischen Lichen planus nur bedingt zu unterscheidende Arzneireaktion, bei der ein temporärer Zusammenhang zwischen Auftreten des Exanthems und der Arzneimitteleinnahme nachgewiesen werden kann.
Cave: Zwischen der Ersteinnahme des Medikamentes und dem Auftreten des Exanthems liegen Latenzzeiten von durchschnittlich 12 Monaten. Ebenso können zwischen Absetzen des infrage kommenden Medikamentes und Abheilung des Exanthems Wochen und Monate vergehen. In der letzten Zeit haben lichenoide Arzneireaktionen wiederum eine höhere Aufmerksamkeit erfahren, da sie nicht selten bei Gabe von Biologika bzw. bei einer "molecular targeted therapy" einschließlich einer Therapie mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren auftreten können.
Vorkommen/Epidemiologie
Ätiopathogenese
Es wird angenommen, dass es sich bei den lichenoiden Arzneimmittelreaktionen um eine T-Zell-mediierte Reaktion handelt, die gegen Keratinozytenantigene gerichtet ist, und die mit Arzeimitteln kreuzreagieren. Möglicherweise spielen fotoallergische Einflüsse eine zusätzliche Rolle (Lokalisation!).
Ungeklärt ist die Bevorzugung von ganz unterschiedlichen Medikamentengruppen. Die häufigsten medikamentösen Auslöser sind (zitiert nach Merk HF et al. 2018):
- ACE-Hemmer (Captopril, Enalapril, Ramipril)
- Thiaziddiuretika
- Antimalariamittel
- Penicillamin
- Betablocker (Acebutal, Atenolol, Labetalol, Levubatanol, Metoprolol, Nebivolol, Oxprenalol, Timolol, Sotalol)
- HMG-CoA-Reduktase Hemmer (Fluvastatin, Lovastatin, Simvastatin)
- TNF-alpha-Blocker
- PD-1 und PDL-1-Inhibitoren
- Sonstige:
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Arzneireaktionen bei dispositioneller Reaktionslage in einen exanthematischen Lichen planus übergehen.
Manifestation
Klientel ist etwas älter (>60 Jahre) als das durchschnittliche Lichen-planus-Klientel (50 Jahre). Kinder sind nicht betroffen (s. Lp exanthematicus)
Klinisches Bild
Das klinische Bild des lichenoiden Arzneimittelexanthems (LA) ähnelt weitgehend dem Bild des Lichen planus (LP) oder ist morphologisch mit diesem identisch. Jedoch sind einige klinische Unterschiede zwischen beiden Exanthemarten differentialdiagnostisch bemerkenswert.
Das lichenoide Arzneimittelexanthem ist stets generalisiert, jedoch nicht immer LP-typisch verteilt (z.B. nicht beugeseitig betont). Das Exanthem erscheint mehr psoriasiform, Pityriasis rosea-artig oder ekzematisiert.
Die Einzeleffloreszenz kann größer sein als beim exanthematischen LP.
Die Schleimhäute, v.a. die Mundschleimhaut, sind meist frei. In Einzelkasustiken werden jedoch Schleimhautbeteiligungen einschließlich Sicca-Syndrom beschrieben.
Eine Photoaggravation ist häufig nachweisbar.
Wie auch beim LP kann das LA sich in den Blaschko-Linien gruppieren.
Histologie
Typische Interface-Dermatitis mit (eher schütterem) subepidermalem, bandförmigem Infiltrat aus CD4- und CD8-Lymphozyten, eosinophilen Leukozyten (werden als wichtiges Abgrenzungsmerkmal zum LP gewertet, da sie dort fehlen) und wenigen Plasmazellen. Vakuolige Degeneration der basalen Keratinozyten. Im Gegensatz zum idiopathischen Lichen planus kann Parakeratose beobachtet werden. Weiterhin können auch die tiefen Anteile der Dermis befallen sein.
Die Destruktion der basalen Keratinozyten wird hauptsächlich durch CD8-Zellen ausgelöst, die zytotoxische Enzyme wie Perforin und Granzyme B enthalten. Fokale Parakeratose kann vorhanden sein (fehlt beim LP stets!).
Therapie allgemein
Tabellen
Medikamentengruppe |
Wirkstoffe |
Antimikrobiell wirksame Substanzen |
Ethambutol, Griseofulvin, Ketoconazol, Streptomycin, Tetracycline, Trovafloxacin |
Antihistaminika (H2-Blocker) |
Ranitidin, Roxatin |
Antihypertensiva |
Captopril, Enalapril, Doxazozin, Propanolol, Methyldopa, Prazosin, Nifedipin |
Antimalariamittel |
Chloroquin, Hydroxychloroquin, Quinidin |
Antidepressiva/Antipsychotika |
Amitriptylin, Carbamazepin, Chlorpromazin, Imipramin, Lorazepam, Phenytoin |
Diuretika |
Hydrochlorothiazid, Furosemid, Spironolacton |
Antidiabetika |
Chlorpromamid, Glimperid, Tolazamid, Tolbutamid |
Metalle |
Goldsalze, Arsensalze, Wismut, Quecksilber, Palladium |
NSAR |
Acetylsalicylsäure, Benoxaprofen, Diflunisal, Fenclofenac, Flurbiprofen, Ibuprofen, Indometacin, Naproxen, Sulindac |
Lipidsenker |
Pravastatin, Simvastatin |
Weitere |
Allopurinol, Amiphenazol, Cinnarizin, Cyanamid, Dapsone, Gemfibrozil, Hydroxyurea, Hepatitis B-Vakzine, Imatinib, Immunglobuline (IVIG), Interferon alfa, L-Thyroxin, Levamisol, Lithium, Mesalamin, Methycran, Omeprazol, Penicillamin, Procainamid, Pyrimethamin, Pyrithioxin, Sildenafil (Viagra), Quinin, Sotalol, Sulfasalazin, Trihexyphenid, Ursodeoxycholsäure |
Literatur
- Kaur S et al. (2003) Subacute lichenoid eruption due to L-thyroxine overdosage. Dermatology 206: 346-347
- Keough GC et al. (1998) Pravastatin-induced lichenoid drug eruption. Cutis 61: 98-100
- Merk HF et al. (2018) Lichenoide Arzneimittelexantheme. Hautarzt 69:116-120
- Munoz MA et al. (1996) Lichenoid drug eruption following the Blaschko lines. Dermatology 193: 66-67
- Noakes R et al. Lichenoid drug eruption as a result of the recently released sulfonylurea glimepiride. Australas J Dermatol 44: 302-303
- Ruiz Villaverde R et al. (2003) Lichen planus-like eruption due to enalapril. J Eur Acad Dermatol Venereol 17: 612-614
- Ruiz Villaverde R et al. (2003) Generalized lichen planus-like eruption due to acetylsalicylic acid. J Eur Acad Dermatol Venereol 17: 470-472
- Schon MP et al. (1994) Lichenoid drug eruption induced by spironolactone. Acta Derm Venereol 74: 476
- Shiohara T, Kano Y (2003) Lichen planus and lichenoid dermatoses. In: Bologna JL et al. (Hrsg) Dermatology. Mosby Verlag, London New York Toronto, S. 188
- Smith KJ et al. (1998) Lichenoid/Interface cutaneous eruptions to IVIg with the primary infusion may be related to the re-regulation of anti-idiotype network. J Cutan Med Surg 3: 96-101
- Teraki Y, Shiohara T (2004) Spontaneous tolerance to terbinafine-induced lichenoid drug eruption. Dermatology 208: 81-82
- Ziemer, M (2014) Kutane Arzneimittelreaktionen vom Spättyp. Pathogenese, Klinik und Histologie. Hautarzt 65: 397-408
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