GLP-1-Rezeptoragonisten

Zuletzt aktualisiert am: 14.03.2025

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Synonym(e)

GLP-1-Agonisten; GLP-1 RA; GLP1-RA; Glukagon-Like Peptide- (GLP-1) Agonisten, Inkretinmimetika; Inkretin-Mimetika

Definition

Substanzklasse, die zur Behandlung des ungenügend eingestellten Typ 2 Diabetes mellitus (Typ 2 DM) sowie zur medikamentösen Behandlung bei starkem Übergewicht und Adipositas eingesetzt wird.

Bedeutung:

Zunächst als Antidiabetikum entwickelt und zugelassen ist die gewichtsreduzierende Wirkung von GLP-1 Agonisten in der Folge immer mehr in den Fokus gerückt.

Fortschritte in der Erforschung der entero- und neuronalen Signalwege zwischen Magen-Darmtrakt und Gehirn (Gut-​​​​Brain-Axis) und die Weiterentwicklungen der Pharmokokinetik haben GLP-1 Agonisten zum ersten effektiven Medikament zur Gewichtsreduktion gemacht (Friedmann JM 2024).

Durch die weltweite enorme Zunahme von Übergewicht/Adipositas (GBD 2021 Adolescent BMI Collaborators 2025) und der damit verbundenen erheblichen Zunahme des Risikos schwerwiegender chronischen Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ 2 DM, Dyslipidämie, Metabolische Fettlebererkrankungen, Krebserkrankungen, Osteoarthrose, Schlafapnoe u.a.) , haben insbesondere die Substanzen der neueren Generation überragende Bedeutung erlangt (Lopez-Jimenez F et al 2022, Powell-Wiley TM et al 2021). Das Wissenschaftsmagazin 'Science' hat GLP-1 Agonisten, die landläufig als 'Abnehmspritze' bekannt geworden sind, mit dem Titel "Obesity meets its match" als Durchbruch des Jahres 2023 gewürdigt (Couzin-Frankel J 2023).

Pharmakodynamik (Wirkung)

Wirkprinzip:

GLP-1 RA wirken gleichartig wie das körpereigene Peptidhormon GLP-1 an GLP-1 Rezeptoren, die sich in großer Anzahl vorwiegend im Magen-DarmtraktPankreas und im Gehirn aber u.a. auch am Herzen und Endothel der Gefäße, Lunge und Nieren finden (Baggio LL et al 2007). 

GLP-1 wird bei Nahrungsaufnahme aus dem L-Zellen der Darmschleimhaut sezerniert und bewirkt nahrungsabhängig/ glukoseabhängig eine Stimulation der Insulinsekretion der beta-Zellen und eine Hemmung der Glukagonsekretion der alpha-Zellen des Pankreas. Der Blutglukosespiegel wird nahrungsabhängig reguliert, Blutglukosespitzen werden reduziert und der HbA1C wird nachhaltig gesenkt (Baggio LL et al 2007). Dieser Effekt wird in der Therapie des Typ 2 DM mit GLP-1 RA zur Verbesserung der Blutglukoseeinstellung genutzt.

Daneben bewirkt GLP-1 eine verlangsamte Magenentleerung und über die Wirkung zentral im Gehirn Völlegefühl, Sättigung und Appetitreduktion, sowie Regulierung der Nahrungsaufnahme, verbesserte Kontrolle des Essverhaltens (verringert Heißhungerattacken) und Regulierung des Energiestoffwechsels (Turton MD et al 1996, Baggio LL et al 2007)​​​​​​​​​​

GLP-1 RA führen über diese Wirkungen zu einer sehr effektiven Gewichtsreduktion von ca. 10% - 15% des Körpergewichtes, sowie nachhaltige positive Effekte auf gewichtsabhängige Risikofaktoren und gewichtsbedingte Begleiterkrankungen (erst eine Gewichtsreduktion von ≥ 5% wird als effektiv angesehen um Risikofaktoren und Begleiterkrankungen aufgrund von Übergewicht und Adipositas zu reduzieren (Look ARG et al 2016)).

GLP-1 Rezeptoren finden sich in großer Anzahl im Magen-Darmtrakt und im Gehirn, aber auch in vielen anderen Stellen im Körper wie z. B. auch am Herzen und Gefäßendothel. Vermutet wird, dass es hierdurch zu anderen direkten Effekten kommt, die sich positiv auf Herz-Kreislauf System und Stoffwechsel  auswirken. Ob direkt oder indirekt über die verminderte Nahrungsaufnahme kommt es auch zur Verbesserung des LipidprofilesBlutdrucksenkung, Verbesserung von Insulinsensitivität bei Insulinresistenz und metabolischem Syndrom, zur Verringerung des Risikos für Herz-Kreislauferkrankungen sowie einer Verminderung des Fettgehaltes der Leber bei nichtalkoholischer metabolischer Fettlebererkrankung und nichtalkoholischer Steatohepatitis (Mantovani A et al 2021). Positive Wirkungen haben sich auch für Insulinresistenz bei PCOS (Polyctstic Ovary Syndrome) (Siamashvilli M et al 2021) und Gestationsdiabetes postpartum Behandlung (Elkind-Hirsch KE et al 2020) gezeigt.

Daneben gibt es Hinweise, daß GLP-1 Agonisten auch neuroprotektive Effekte haben und das Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse (Schlaganfall) und Alzheimer Demenz reduzieren können und die Verschlechterung des M Parkinson verlangsamen können (Wang T et al  2023, Meissner WG et al 2024). Zukünftige bedeutsame weitere  Anwendungsgebiete könnten sich daneben aufgrund der Wirkungen auf das dopaminerge System und das Belohnungszentrum im Gehirn für die Behandlung von Suchterkrankungen und Essstörungen, möglicherweise auch bei psychiatrischen Erkrankungen ergeben (DeGiorgi R et al 2024). Erste Ergebnisse einer klinischen Studie bei Alkoholkranheit sind vielversprechend (Hendershot CS et al 2025, Dtsch. Ärztebl. News 19.02.2025).

Nicht alle physiologischen Effekte von GLP-1 in den unterschiedlichen Organen sind bislang vollständig erforscht.

GLP-1 RA verringern kardiovaskuläre Risikofaktoren und verringern das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MI, instabile Angina pectoris, Schlaganfall und Tod (MACE)) (s. Studien der jeweiligen Substanz) und gehören zu den empfohlenen Zusatztherapien bei Patienten mit Typ 2 DM und Übergewicht/Adipositas.

GLP-1 gehört zusammen mit GIP (glucose-dependent insulinotropic polypeptide) zu den Inkretinen. Beide Peptidhormone werden bei Nahrungsaufnahme aus Darmzellen sezerniert, ergänzen und verstärken sich sehr effektiv in ihrer Wirkung auf den Insulin- und Glukagonspiegel und führen zusammen zu einer noch  effektiveren Gewichtsreduktion. Dies wird in neueren Kombinationspräparaten wie Tirzepatid therapeutisch genutzt

Im Gegensatz zu körpereigenen GLP-1, das innerhalb von wenigen Minuten durch das Enzym Dipeptidylpeptidase 4  (DDP 4) abgebaut wird, sind synthetisch hergestellte GLP-1 RA chemisch modifiziert und die Halbwertszeit und Wirkung hierdurch erheblich verlängert. GLP-1 RA übersteigen die normalerweise physiologisch vorliegenden Konzentrationen von körpereigenem GLP-1 um ein vielfaches.

Die Wirkungen sind reversibel und halten nur für die Dauer der Therapie an, d.h. nach Absetzen der Therapie kommt es erneut zur Gewichtszunahme. Für anhaltende Effekte muß die Therapie dauerhaft erfolgen. 

Pharmakokinetik

Alle GLP-1 RA sind synthetisch/gentechnisch hergestellt und chemisch modifiziert um die Halbwertszeit (HWZ) zu erhöhen. Dabei unterscheiden sich die Substanzen bei weitgehend gleicher Grundstruktur durch die chemische Modifikation um diese Wirkung zu erreichen und haben dementsprechend unterschiedliche HWZ aber partiell auch unterschiedlich starke Wirkung auf Blutglukosesenkung und Gewichtsverlust.

Unterschiedliche chemische Modifikationen der Aminosäuresequenz und Anbindung von Liganden verhindern den schnellen Abbau durch DDP4, erhöhen die Plasmaeiweißbindung und verzögern schnelle renale Clearance. Hierdurch wird Stabilität und HWZ, Biovetfügbarkeit und Wirksamkeit erhöht (physiologisches GLP-1 HWZ 1-2 Minuten) (Zheng Z et al 2024)

Die kurzwirksame Substanz Exenatid (Byetta®) ist ein  synthetisches Analoge von Exendin-4 (Extrakt aus dem Speicheldrüsensekret des Glia Monsters), das 53% Sequenzhomologie zu humanem GLP-1 aufweist. Der Austausch einzelner Proteine erhöht die Stabilität gegen den Abbau durch DDP 4, verlängert die HWZ auf 2.4 Stunden (2x tägl.) und verstärkt die Wirkung durch stärkere Rezeptorbindung. Das Medikament hat antidiabetische und gewichtsreduzierende Wirkung ist aber nur für ihre antidiabetische Wirkung untersucht und zugelassen (Brandt SJ et al 2018).

In der ersten langwirksamen Substanz (1x wöchentl.) Exenatid (Bydureon®wird durch Depotpräparation mithilfe von Mikrosphärenpartikel persitierende, langsame Abgabe erreicht und die HWZ kann auch trotz schneller renaler Clearence verlängert werden auf 2 Wochen. Stärkere Wirkung auf HbA1c, gleiche gewichtsreduzierende Wirkung wie kurzwirksames Exenatide (DURATION -1 Studie) (Brandt SJ 2018).

Nachfolgende Substanzen sind GLP-1 Analoga mit mind. 90% Strukturhomologie mit humanem GLP-1.

  • In Liraglutid (Victosa®) wird Depotwirkung durch Konjugation mit langkettiger Fettsäure erreicht. Hierdurch auch verstärkte Albuminbindung, verminderter Abbau durch DDP 4 und verzögerte renale Clearance. HWZ 13 Stunden (1x tägl.). Gut wirksam für Blutglukosekontrolle HbA1c Senkung 1.1-1.6%, weniger stark für Gewichtsreduktion. Daher Liraglutid (Saxenda®)  mit höherer Dosierung für Gewichtsreduktion getestet und zugelassen, mehr als 5% Gewichtsreduktion. Konzept der Dosiseskalation zur Verringerung der Nebenwirkungen bei zunehmend potenter Wirksamkeit (Serie von 5 RCT SCALE Studien) (Brandt SJ 2018).
  • Dulaglutid (Trulicity®) hat neben Aminosäuremodifikation als Ligand ein modifiziertes humanes Immunglobulin kovalent gebunden, weitere Erhöhung der Stabilität und Verbesserung der HWZ 90 Stunden, ca. 4 Tage (1 x wöchtl.). 1.5.mg wöchentl. bewirkt signifikant bessere Senkung des HbA1c als Liraglutid (1.8 mg tägl.) aber geringere Gewichtsreduktion (AWARD-6 Studie) (Brandt et al 2018).
  • In Semaglutid s.c. (Ozempic®wird Liraglutid weiterentwickelt und durch Veränderung der Aminosäuresequenz und neuer Kombination einer carboxylierten Fettsäure mit hydrophilem Linker als Ligand ein ultrastabiler GLP-1 RA mit langer HWZ und potenter Wirksamkeit entwickelt. HWZ 165 Stunden, ca.7 Tage (1x wöchentl.) Semaglutid s.c. (Ozempic®)  HbA1c Senkung bis zu 1.9%, Gewichtsreduktion bei Diabetes bis 10%. Semaglutid s.​​​​​c. (Wegovy®) Dosiseskalation mit höherer Anfangsdosis bewirkt noch stärkere Gewichtsreduktion, klinisch getestet und zugelassen zur Gewichtsreduktion (Tschop MH et al 2023) (STEP Studien) (Brandt SJ et al 2018, ). Semaglutid 2.4 mg reduziert Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) um 20% SELECT Studie.
  • Tirzepatid (Mounjaro®) ist erstes Kombinationspräparat GLP-1 RA/GIP RA, gebunden in einem Molekül (Hybrid-Molekül mit dualem Wirkmechanismus GLP-1 RA plus GIP RA Agonismus) HWZ ca 117 Stunden ca. Tage (1x wöchentl) stärkere Wirkung relativ zum gleichartigen NW Profil, ≥20% Gewichtsreduktion  (SURMOUNT-1 Studie). Bessere Bluglukosestabilität, verbesserte antiglykämische Wirksamkeit verglichen mit GLP-1 Monopräparaten plus Verbesserung des Lipidstoffwechsels/Lipidprofil (Brandt SJ et al 2018).

GLP-1Agonisten werden enzymatisch abgebaut und vorwiegend renal eliminiert (nur ein sehr geringem Anteil wird unverändert ausgeschieden).

Indikation

Erwachsene (ab 18 Jahren):

Typ 2DM:

Glp-1 Agonisten sind zur medikamentösen Therapie bei Typ 2 Diabetes mellitus (Typ 2 DM) zugelassen

als Ergänzung bei unzureichender Blutglukosekontrolle zu Ernährungsumstellung, Bewegung und Metformin bzw.

als Monotherapie in Ergänzung zu Ernährungsumstellung und Bewegung, falls Metformin nicht vertragen wird.

Die neueren Substanzen gelten als Antidiabetika mit nachgewiesenem, vorteilhaftem Profil zur Risikoreduktion für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse und sollten daher bevorzugt bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren bzw. Vorerkrankung eingesetzt werden.

GLP-1 Agonisten eignen sich besonders bei Patienten mit gleichzeitig bestehendem Übergewicht oder Adipositas.

Gewichtsreduktion bei Adipositas und Übergewicht:

Glp-1 Agonisten sind für die Indikation Gewichtsreduktion zugelassen zur medikamentösen Therapie zusätzlich zu Ernährungsumstellung und Bewegung

bei Adipositas ab BMI von ≥30 und

bei starkem Übergewicht ab BMI von ≥27 plus zusätzlich bestehender gewichtsbedingter Begleiterkrankung (z.B. Hypertonus, Hyperlipidämie, Typ 2 DM, CVD, Schlafapnoe, Osteoarthrose)

Kinder und Jugendliche:

ab 10 Jahren: Typ 2 DM Liraglutid 

ab 12 Jahrenstarkes Übergewicht/Adipositas Liraglutid, Semaglutid

geschlechts- und altersabhängig ab der 95. Perzentile. (Reevaluation ggf. absetzen, wenn nach 12 Wochen bei Maximaldosis eine Gewichtsreduktion von mind. 5% nicht erreicht wird)

Für alle Patienten ist unabhängig vom Alter die begleitende Therapie mit Ernährungsumstellung und Bewegung u.a. für die lanfristige Prognose einer erfolgreichen Therapie, für Typ 2DM und Übergewicht/Adipositas unabdingbar. Die medikamentöse Therapie kann eine Ergänzung aber kein Ersatz für Ernährungsumstellung und Bewegung sein! Übergewicht und Adipositas haben multifaktorielle Ursachen u.a. auch mentale Gesundheit berücksichtigen (Lingvay I et al 2023)

Die Anwendung außerhalb dieser Indikationen zur Gewichtstegulierung erfolgt derzeit ohne Evidenz, da bislang keine Studienergebnisse zu Nutzen und Risiko vorliegen und wird zur Gewichtsregulierung ausserhalb der evidenzbasierten Zulassung und Indikation "off-label", bislang lediglich als sog. Lifestyle Medikament bewertet und die Kosten werden nicht von der Krankenkasse übernommen.

Die Anwendung "off-label" wird derzeit kritisch gesehen, da es hierdurch aufgrund der sehr starken Nachfrage zu Versorgungsengpässen für Patienten mit notwendiger medizinischer Indikation (s.o.) kommt. Die EMA hat daher in einer Stellungnahme darauf hingewiesen das Medikament derzeit nur innerhalb der Zulassung unter Angabe der Indikation zu verschreiben. Zur Sicherung der notwendigen Versorgung gelten für Apotheken derzeit verschärfte Abgaberegelungen für Verschreibungen außerhalb Indikation.

Schwangerschaft/Stillzeit

Glp-1 Agonisten dürfen während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht angewendet werden.

Tierexperimentelle Studie haben Reproduktionstoxizität bzw. bedeutsame embryotoxische und fötale Entwicklungsstörungen und Organschäden gezeigt.

Das Medikament und Metaboliten wurden im Tierversuch in der Muttermilch nachgewiesen!

Es liegen daneben keine ausreichenden Studiendaten beim Menschen vor!

Frauen im gebährfähigen Alter sollten eine zuverlässige Empfängnisverhütung anwenden.

Bei Eintritt einer Schwangerschaft muß das Medikament abgesetzt werden. Bei unerwarteter Exposition im 1. Trimenon Beratungsangebot zur Risikoabschätzung bei Embryotox Charité Berlin www.embryotox.de

Vor Eintritt einer geplanten Schwangerschaft sollte das Medikament aufgrund der langen Halbwertszeit bereits zwei Monate vor Beginn der Schwangerschaft abgesetzt werden.

Während der Stillzeit sollte das Medikament nicht eingenommen werden!

Es liegen bislang keine Daten zur Fertilität vor.

Dosierung und Art der Anwendung

GLP-1 Agonisten sind Polypeptide, die durch Verdauung abgebaut werden und daher oral unwirksam sind.

die Substanzen werden zur subkutanen Injektion (sc) mit Fertigpen angeboten.

Ältere Substanzen (kurze HWZ), die zur Diabetestherapie entwickelt wurden müssen täglich verabreicht werden.

Neuere Medikamente (lange HWZ) brauchen nur noch einmal wöchentlich verabreicht werden. Die Dosisanpassung erfolgt für diese Substanzen nach festgelegtem Schema mit geringer initialer Startdosis und Dosiseskalation alle 4 Wochen bis die Erhaltungsdosis erreicht ist. 

Bei Auftreten von Nebenwirkungen kann die Dosiseskalation verzögert, ganz ausgesetzt oder die Dosis wieder reduziert werden.

Seit 2020 ist auch eine orale Form von Semiglutide (Rypelsus®) zugelassen aber noch nicht verfügbar (Stand Dez. 2024). Die orale Applikation wird ermöglicht durch ein neuartiges spezielles Microcoating und strenges Einnahme Regeln, die den Abbau der Substanz durch Verdauung verhindern sollen.

Für Einzelheiten bei der Dosierung und Anwendung wird auf die Fachinformation der jeweiligen Substanz verwiesen.

Unerwünschte Wirkungen

Am häufigsten sind gastrointestinalen Nebenwirkungen wie Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Beschwerden, Reflux, selten auch höheres Risiko für Magenparese und Darmverschluß. Dosierung gering beginnen, langsam steigern, ggf. bei starken Beschwerden Dosissteigerung verzögern, aussetzen, ggf. Dosis reduzieren oder absetzen. 

Patienten sollten ausreichend Wasser trinken, ballaststoffreiche Nahrung und nur kleine Mahlzeiten, Bewegung, möglichst keine kohlesäurehaltige Getränke und Alkohol!

Gastrointestinale Nebenwirkungen führen häufig zum Therapieabbruch. Patienten sollten auf diese Sypmtome vorbereitet und darüber vorab informiert werden.

In seltenen Fällen wurde eine Pankreatitis beobachtet (Patienten sollten über Sypmtome aufgeklärt werden und regelmäßig untersucht werden). Bei Auftreten einer Pankreatitis muß das Medikament abgesetzt werden (ggf. Reevaluation zu einem späteren Zeitpunkt). Bei Pankreatitis in der Vorgeschichte sollte die Anwendung überdacht werden.

Gelegentlich kommt es zu Cholelithiasis, Cholezystitis.

Hypoglykämie ist durch GLP-1 Agonisten selbst nicht zu erwarten, da die Insulinausschüttung lediglich  nahrungsabhängig verstärkt wird. Die Gefahr von Hypoglykämien ist jedoch bei Kombination mit Insulin und anderen insulinotropen Medikamenten (z.B. Sulfonylharnstoffen) gegeben. 

Dehydrierung und Folgen (Schwindel, Stürze) sollten vor allem bei gleichzeitiger Einnahme von Diuretika und bei älteren Patienten beachtet und vermieden werden. Risiko eingeschränkter Nierenfunktion beachten!

Wichtig ist den Muskelabbau bei Gewichtsabnahme (bei GLP-1 RA vergleichsweise hoch bis 40% des Gewichtsverlustes) durch Bewegungsund Krafttraining zu vermeiden bzw. entgegen zu wirken.

Häufig sind bei Patienten mit Übergewicht und Adipositas auch Hypotonie und Schwindel (Sturzgefahr bei älteren Menschen beachten!).

Häufig sind auch Überempfindlichkeitsreaktionen und selten kann es zu anaphylaktischer Reaktion oder Angioödem kommen.

Zu beachten ist bei Op in Narkose oder tiefer Sedierung kann Risiko für Aspiration erhöht sein!

Vermehrtes Auftreten von Retinopathie im Zusammenhang mit GLP-1 RA insbesondere bei Diabetikern und gleichzeitiger Anwendung von Insulin läßt sich noch nicht sicher beurteilen. Zurückhaltung und engmaschige Überwachung (Augenarzt) wird empfohlen insb. auch bei bereits bestehender Retinopathie (ggf. auch bei Makuladegeneration). Ein Zusammenhang mit Auftreten einer seltenen Form einer ischämischen Optikusneuropathie (NAION) wird derzeit von der EMA untersucht. bfam news (Stand Januar 2025) Gefahr von erheblichem Sehverlust und Erblindung! (Dtsch Ärztebl News 10.02.2025, Dtsch Ärztebl News 25.O2.2025).

Erhöhtes Risiko von C-Zell Tumoren der Schildrüse (präklinisch in Tierversuchen) hat sich bislang in Menschen nicht bestätigt (auch hier Beurteilung noch unsicher wg. langer Latenzzeit). Zurückhaltung empfohlen bei entsprechender Vorerkrankung (Dtsch Ärztebl News 31.01.2025)

Vereinzelt wird in jüngster Zeit über unerwartete/ungeplante Schwangerschaften während der Einnahme von GLP-1 Agonisten berichtet, die mit verbesserter Fertilität aufgrund der Gewichtsabnahme in Zusammenhang gebracht werden (Dtsch Ärztebl News 12.12.2024).

Langzeitdaten fehlen, insbesondere für die neueren Substanzen mit verlängerter Halbwertszeit. Daher sind unerwünschte Wirkungen mit langer Latenzzeit nicht sicher abschätzbar. Es besteht erhöhte Pharmakovigilanz und Verdachtsfälle von Nebenwirkungen müssen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angezeigt werden www.bfarm.de

Wechselwirkungen

Verzögerter Wirkungseintritt bzw. verminderte Wirkung  können sich aufgrund der verzögerten Magenentleerung und verändertem enterohepatischen Kreislauf ergeben für oral verabreichte Medikamente.

Die untersuchten Auswirkungen waren geringfügig und nicht klinisch relevant und eine Dosisänderung daher nicht erforderlich.

Dennoch sollte der Blutspiegel von Vit.K Antagonisten, Digitoxin u.a. zu Beginn der Therapie überwacht werden (Einzelheiten zu einzelnen Medikamentengruppen siehe Fachinfo des jeweiligen Präparates).

Orale Kontrazeptiva können insbesondere zu Beginn der Therapie unzuverlässig sein. Es wird empfohlen zusätzlich andere Empfängnisverhütungsmethoden anzuwenden um Schwangerschaft sicher zu verhindern!

In Verbindung mit Diuretika besteht insbesondere bei älteren Patienten die Gefahr der Dehydratation mit den Folgen Hypotonie, Schwindel, Sturzgefahr und Einschränkung der Nierenfunktion mit Gefahr von Nierenversagen! Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr (Wasser ohne Kohlensäure) achten!

Bei gleichzeitiger Gabe von Insulin und insulinotropen Substanzen besteht die Gefahr der Hypoglykämie! Eine Dosisreduktion bei Begleittherapie mit Insulin und insolinotropen Substanzen sollte erwogen werden.

Bei gleichzeitiger Gabe von Insulin besteht bei Reduktion oder Absetzen des Insulins die Gefahr von diabetischer Ketoazidose! Engmaschige Blutglukosekontrolle ggf. Ketonkörperbestimmung unabdingbar!

Bei gleichzeitiger Gabe von Insulin mögliche Komplikationen mit diabetischer Retinopathie beachten! (Augenärztliche Kontrollen)

Kontraindikation

Keine Anwendung von GLP-1 Agonisten bei:

  • Typ 1 DM
  • Ketozidose
  • Überempfindlichkeit gegen die Substanz oder einen bzw. mehrere Inhaltsstoffe.
  • bei Pankreatitis in der Vorgeschichte sollte die Indikation sehr zurückhaltend gestellt werden

Anwendung bei Herzinsuffizienz NYHA IV nicht empfohlen (Daten liegen nicht vor).

Keine ausreichenden Erfahrungen bei schwerer Niereninsuffizienz; mittlerer und schwerer Leberinsuffizienz, nicht empfohlen.

Präparate

Substanzen mit kurzer Halbwertszeit (HWZ) (subcutan)
Exenatid (Byetta®) 2006 EU Zulassung (Typ 2 DM)
Liraglutid (Victosa®) 2009 EU Zulassung (Typ 2 DM)
Liraglutid (Victosa®) 2019 EU Zulassung (Typ 2 DM Kinder ab 10J.)
Liraglutid (Saxenda®) 2015 EU Zulassung (Gewichtsreduktion)
Liraglutid (Saxenda®) 2021 EU Zulassung (Gewichtsreduktion Kinder ab 12J.)


Substanzen mit langer HWZ (subcutan)
Exenatid (Bydureon®) 2011 EU Zulassung (Typ 2 DM)
Dulaglutid (Trulicity®) 2014 EU Zulassung (Typ 2 DM)
Semaglutid s.c. (Ozempic®) EU Zulassung 2018 (Typ 2 DM);  
Semaglutid s.c. (Wegovy®) 2022 Wegovy® (zur Gewichtsreduktion).
Semaglutid s.c. (Wegovy®) EU Zulassung 2024 (Gewichtsreduktion Kinder ab 12J.)
Tirzepatid (Mounjaro®) Kombinationspräparat mit GIP (Gastric Inhibitory Polypeptide) EU Zulassung 2022 (Typ 2 DM; Zulassungserweiterung zur Gewichtsregulierung 2023)
 
Semaglutid oral (Rybelsus®) EU Zulassung 2020, bisher noch nicht im Handel (Stand Dez. 2024)

 

 

 

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Baggio LL et al. (2007) GLP-1 and GIP. Gastroenterology 132:2131-2157.
  2. Brandt SJ et al (2018) Peptide-based multi-agonists: a new par. J Internal Med 284:581-602
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Zuletzt aktualisiert am: 14.03.2025