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Fußsyndrom diabetisches E10.70 oder E11.70
Synonym(e)
Definition
Komplex von krankhaften, an den Füßen lokalisierten Symptomen, die direkt oder indirekt als Folge eines meist langzeitig bestehenden Diabetes mellitus angesehen werden. Die Symptome im Einzelnen: bakterielle und mykotische Infektionen, druckbedingte Ulzerationen (s. u. Malum perforans) und/oder Zerstörung tiefer Gewebepartien, schwere neuropathische Störungen des Fußes bis hin zu komplexen ossären Destruktionen (s. u. Charcot-Arthropathie), komplikative, Diabetes-induzierte periphere arterielle Durchblutungsstörungen unterschiedlichen Grades (pAVK).
Einteilung
Einteilung nach Wagner:
- Risikofuß, keine Ulzeration, ggf. Fußdeformität
- Oberflächliche Ulzeration (meist durch unsachgemäßes Schuhwerk; s. u. Malum perforans)
- Fußdeformität
- Tiefes Ulkus bis zur Gelenkkapsel, den Sehnen oder zum Knochen
- Tiefes Ulkus mit Abszess, Osteomyelitis oder Infektion der Gelenkkapsel
- Begrenzte Nekrose im Vorfuß- oder Fersenbereich
- Nekrose des gesamten Fußes
Vorkommen/Epidemiologie
4–10 % der Patienten mit Diabetes mellitus leiden unter dem DFS.
Ätiopathogenese
Durch Glyzierung (nicht-enzymatische Glykosylierung) kommt es zu unkontrollierter Einlagerung von Glukose in zahlreiche Gewebe, so z. B. in Gefäßen, Nerven, Bindegewebe u. a.
Die Folgen sind:
- autonome, motorische und sensible Nervenstörungen (diabetogene Neuropathien)
- Immunsuppression durch die Glyzierung immunkompetenter Zellen (v. a. Makrophagen, Leukozyten)
- Veränderungen der Fließeigenschaften durch Viskositätserhöhung des Blutes
- Makroangiopathien (Carotis, große Gefäße der Beine: pAVK, in typischer Weise unterhalb des Knies)
Risikofaktoren für das diabtische Fußsyndrom sind:
- Lange Diabetesdauer
- Hohe Blutzuckerwerte
- Hypercholesterinämie
- Nikotinabusus
- Vorhandensein von Retinopathie, Nephropathie oder Neuropathie
- Verminderte Sensibilität
- Schwielenbildung durch Fehlbelastungen (durch Neuropathie nicht oder nur vermindert schmerzhaft)
- Herabgesetzte Muskelkraft (eingeschränkte Stabilisierung des Fußes)
- Manifestes Ulcus cruris oder Ulkus in der Anamnese
- Arterielle Hypertonie
- Bewegungsmangel
- CVI (chronische venöse Insuffizienz mit Verminderung der Gelenkmobilität im Sprunggelenk - arthrogenes Stauungssyndrom)
- Eingeschränkte Gelenkmobilität
- Plantare Hyperkeratosen
- Ungeeignetes Schuhwerk
Klinik
Initial: warme, trockene, rote Füße bei verminderter Sensibilität, mit meist ausgeprägter Schwielenbildung an Druckstellen.
Fortschreitend: Bildung von polyneuropathischen, schmerzlosen Ulzera an druckexponierten Stellen des Fußes (s.u. Acropathia ulcero-mutilans non-familiaris).
Spätkomplikationen:
- Infektionen: mykotische und bakterielle Infektionen unterschiedlicher Schweregrade (Erysipel, gramnegativer Fußinfekt, Fußphlegmone, nekrotisierende Fasziitis, Osteomyelitis)
- Charcot-Arthropathie
- Zunehmende krankheitsinduzierte, erzwungene Immobilität der Patienten mit entsprechenden Folgesymptomen
Diagnose
Sorgfältige Inspektion der Füße: neuropathische, nicht schmerzhafte, an Druckstellen auftretende Ulzera sind das typische Leitsymptom des diabetischen Fußsyndroms
Gezielte Anamnese
Prüfung der Berührungssensibilität
Fußpulse
Knöchel-Arm-Index
Ggf. radiologische Diagnostik: DSA oder Angio-MRT.
Therapie
Die Therapie beruht auf mehreren Säulen:
- Optimierung der Diabetestherapie
- Druckentlastung
- Infektionskontrolle (bakteriologische Überwachung, auch gramnegative Keime, z. B. Escherichia coli)
- modernes Wundmangement mit Wundreinigung, ggf. Nekrosektomie
- Konsequente und situationsadaptierte Therapie der Gefäßerkrankung
Bei der Wundbehandlung sind Wundverbände mit Silber-Aktivkohle-Auflagen empfehlenswert. Später kann die Granulation der Wunde mit einer Calcium-Alginat-Auflage gefördert werden. Je nach Schwere der Schädigung sind u. U. Minoramputationen (geringfügige Amputationen) erforderlich. Schulung des Patienten (Wund- und Diabetesschulung).
Literatur
- Hertel T et al (2014) Diabetisches Fußsyndrom. Haut14:190-195
- Risse A (2014) Das diabetische Fußsyndrom. Vasomed 26:191-196